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  • Stefanie Ingold

Was wir heute tun, entscheidet darüber, wie die Welt von morgen aussieht.

Am 2. Dezember wurde ich zu «Sternschnuppen» in die Franziskanerkirche Solothurn eingeladen, um eine Rede zum Thema «sieben fette Jahre - sieben magere Jahre» zu halten.

Lesen Sie hier, was ich gesagt habe.




Liebe Anwesende


Zuerst will ich mich herzlich für die Einladung bei «Sternschnuppen» bedanken. Ich habe mich über die Anfrage sehr gefreut und bin gerne mit von Partie.


Peter Wagner hat sich erkundigt, ob ich zur Aussage «sieben fette Jahre – sieben magere Jahre» ein paar Gedanken mit euch teilen möchte. Sehr wahrscheinlich wäre ich von selbst nicht auf dieses Thema gekommen, was es für mich jedoch umso spannender macht.

Sieben fette Jahre – sieben magere Jahre - natürlich habe ich recherchiert, wo diese Aussage ihren Ursprung hat. Im Alten Testament wurde ich fündig:


Einem ägyptischen Pharao erschienen im Traum sieben fette Kühe, die aber anschließend von sieben mageren Kühen gefressen wurden. Auch träumte ihm von sieben dicken Ähren, die von sieben mageren Ähren verschlungen wurden. Da alle Wahrsager und alle Weisen Ägyptens dem Pharao diesen Traum nicht deuten konnten, schlug die grosse Stunde Josefs, der wegen einer üblen Intrige im Gefängnis gelandet war. Im Auftrag und in der Vollmacht Gottes deutete Josef dem Pharao seinen Traum. Demnach weisen die sieben fetten Kühe und die sieben dicken Ähren auf sieben gute Jahre voller Fülle hin. Auf diese guten Jahre werden dann aber, so Josef, entsprechend den sieben mageren Kühen und Ähren sieben Jahre der Hungersnot folgen. Dem Ratschlag Josefs folgend, sorgte der Pharao in den sieben fetten Jahren für die sieben mageren Jahre vor. Nachdem sieben ertragreiche Jahre verstrichen sind, beginnen tatsächlich sieben Jahre der Dürre. Die Nachbarländer Ägyptens hungern, in Ägypten selbst aber wurde auf Josefs Rat hin in den ertragreichen Jahren zuvor genug Getreide gesammelt, um die Dürre zu überstehen.


Diese Geschichte löste in mir verschiedene Überlegungen aus.

Zum einen werden wir Menschen immer wieder und an verschiedenen Stellen darauf hingewiesen, dass es «gute Zeiten, schlechte Zeiten» gibt. So lautet denn auch eine Fernserie, welche tatsächlich seit 1992 in Vorabendprogramm auf einem deutschen Fernsehsender läuft, auf diesen Titel. Die Serie zeigt, wie das Leben im Auf und Ab spielen kann und es gibt aus den letzten 30 Jahren Sendezeit tatsächlich zahlreiche Geschichten dazu. Froh können wir sein, wenn die guten Zeiten nicht zu kurz kommen und die schlechten nicht allzu lange andauern.


Doch was sind schlechte Zeiten? Können wir hier in der Schweiz überhaupt von schlechten Zeiten sprechen? Oder anders gefragt: dauern unsere guten Zeiten nicht schon sehr lange an?


1847 fanden mit dem Sonderbundkrieg die letzten Kriegshandlungen auf Schweizer Boden statt. Die letzte Hungersnot liegt noch viel weiter zurück.

Wanderten noch bis vor 100 Jahren die Menschen aus wirtschaftlichen Gründen aus der Schweiz aus, ist es heute genau umgekehrt. Menschen wollen aufgrund der hohen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Sicherheit zu uns kommen, in der Schweiz leben.

Wir beziehen unser Befinden immer auf den augenblicklichen Zustand. Dabei dienen die persönlichen Empfindungen als Massstab. Würden wir nur auf den Einzelnen, das Individuum schauen, ginge es uns viel schlechter, als es uns als Ganzes tatsächlich geht.

Im Vergleich mit anderen Ländern sind wir glimpflich durch die Corona Pandemie gekommen. Und zwar sowohl in wirtschaftlicher als gesellschaftlicher Hinsicht. Auch die Energiekrise und die Inflation sind gegenüber anderen Ländern relativ tief.


Im gegenwärtigen Moment können wir also nicht wissen, ob wir vor schwierigen Zeiten stehen. Wir sehen nur die, in denen wir uns gerade befinden. Es ist mehr die Angst davor, dass «etwas» kommen, dass uns Schlimmes widerfahren könnte. Die Ungewissheit vor den Geschehnissen in der Zukunft ist es, die uns belastet.


Wenn wir stets wüssten, was kommen wird, dann hätte es uns vor ein paar Jahren, also vor der Pandemie, dem Krieg in der Ukraine, der Energiekrise, viel besser gehen müssen.

Sind also gute und schlechte Zeiten, gerade bei uns in der Schweiz, Zeiten, die man erst als gut oder schlecht beurteilen kann, wenn sie in der Vergangenheit liegen? Anders gefragt: werden die guten und schlechten Zeiten der Vergangenheit in Zukunft noch immer gleich gewichtet, als wie man sie in der Gegenwart empfunden hat?


Ich wurde schon gefragt, was ich für die nächsten Jahre erwarte, ob sich die gesellschaftspolitische Lage wieder etwas beruhigen oder ob solche Krisen zur neuen Normalität würden.


Natürlich bin ich keine Expertin für solch grosse Fragen. Doch was bedeutet denn normal? Wie schaut die Normalität aus? Wir sind ständig irgendwelchen Herausforderungen ausgesetzt, sei es gesellschaftlich, global, national oder regional. Ganz abgesehen von den persönlichen Herausforderungen, denen wir gegenüberstehen. Die Frage ist doch, wie wir auf Veränderungen oder eben Herausforderungen reagieren.


Begegnen wir solchen Situationen mit Angst oder gehen wir sie aktiv an? Können wir mit unseren Gegebenheiten selbstständig umgehen? Es gibt Umstände, in denen eine Herausforderung zur Überforderung werden kann und die Handlungsmöglichkeit nicht mehr zu erkennen oder überhaupt nicht mehr gegeben ist. Dann sind in meinen Augen die Gemeinschaft und das gegenseitige Helfen gefragt.


Um wieder zur Aussage «sieben fette Jahre – sieben magere Jahre» zurückzukommen: Vielleicht hat die Anfrage, ob ich zu diesem Thema sprechen mag, auf die momentanen Diskussionen rund um die Finanzen der Stadt gezielt?


Tatsächlich scheinen die «fetten Jahre» vorbei zu sein, in denen wir ein beachtliches Vermögen aufgebaut haben. Seit zirka drei Jahren gibt die Stadt Solothurn mehr Geld aus, als sie einnimmt. Selbstverständlich müssen wir darauf reagieren. Angst und Panik sind hier aber nicht angebracht, sondern Besonnenheit und Umsichtigkeit. Wir haben das Gegensteuer ergriffen und ich bin überzeugt, dass wir das Schiff im Gemeinderat gemeinsam und parteiübergreifend in ruhige Gewässer segeln werden.


Wir durchlaufen seit jeher Zyklen. Im Leben folgen auf gute Zeiten schlechte Zeiten, auf fette Jahre magere. Die schlechten Zeiten machen uns aufmerksam auf die guten, denen man zu wenig Beachtung geschenkt hat.


Und mit jedem Wechsel häufen sich die Jahre. Es können die fetten wie die mageren Jahre nicht unendlich lange dauern. Ein endloses Wachstum um jeden Preis kann und soll nicht angestrebt werden. Denn die sozialen und ökologischen Folgen wären gravierend.

Viel wichtiger als wirtschaftliches Wachstum ist doch eine ausgeglichene Sozialpolitik, denn das Endziel der Wirtschaftspolitik sollte das Gemeinwohl sein.


Wir können es auch so betrachten: wie würden wir uns eine Gesellschaft wünschen, in die wir geboren werden, ohne zu wissen, welcher Bevölkerungsschicht sie angehört?

Der Wert einer Gesellschaft zeigt sich doch darin, wie mit den Schwächsten umgegangen wird.


In diesem Zusammenhang erwähne ich immer sehr gerne einen äussert erfolgreichen Unternehmer aus unserer nächsten Region.

In einem Interview erzählte besagter Geschäftsmann einmal, dass er im Rahmen seiner Ausbildung an der Uni St. Gallen gelernt habe, dass nichts über Wachstum geht. «Think big or go home» - denke gross oder lass es bleiben, wurde den Studierenden offenbar eingetrichtert. Von diesem Glaubenssatz sei er über mehrere Jahre hinweg fest überzeugt gewesen und nichts konnte ihn davon abbringen. Dann kam die Bankenkrise, also die mageren Jahre, und es mussten Standorte geschlossen und Mitarbeitende entlassen werden.

Die Krise löste ein Umdenken aus und auf die Frage, ob Wachstum über alles tatsächlich das Wichtigste ist, lautete die Antwort nun klar: nein.

Er richtete sein Unternehmen auf eine dreifache Nachhaltigkeit aus: sozial, ökologisch und ökonomisch. Das Wachstum soll langsam, aber sicher sein, damit in einer Krise kein Personalabbau stattfinden muss.


Wenn ich mich mit dem Unternehmer unterhalte, ist deutlich spürbar, dass der Mensch für ihn im Zentrum steht. Sein Unternehmen wirtschaftet seit Jahren sehr erfolgreich.


Wir sehen, es ist nicht das Streben nach Mehr, die Gier nach Grösserem, die uns weiterbringt. Denn die Gier kennt niemals genug, sondern ist stets eine nicht endende Anstrengung, noch mehr zu erreichen, ohne dass es uns je gelingen kann.


Schliesslich lässt uns ein Blick in die Zukunft erkennen, dass unser vermeintlich grenzenloser Konsum langsam, aber sicher an seine natürlichen Grenzen stösst. Der fortschreitende Klimawandel und seine nicht ignorierbaren Auswirkungen auf die Umwelt, unser Umfeld und unsere Gesellschaft zwingen unser Wirtschaftssystem und seine Akteure dazu, wirtschaftliches Handeln nachhaltiger zu gestalten.


Es leben seit kurzem 8 Milliarden Menschen auf unserem Planeten. Die Weltbevölkerung wächst, aber die Ressourcen unseres Planeten sind endlich. Je mehr Menschen die Erde bevölkern, umso mehr Menschen müssen sich diese Ressourcen teilen. Wir müssen uns die Frage stellen, wie wir die vorhandenen Mittel sinnvoll einsetzen können und wollen.

Diese Frage führt dazu, dass wir unser Konsumverhalten und die Überbeanspruchung vorhandener Bestände überdenken müssen. Dabei ist Konsum nicht nur auf Nahrungsmittel beschränkt, sondern auf alle natürlichen Ressourcen.


Die Natur stösst automatisch an ihre Grenzen. Die Frage ist nicht, ob unser Planet mit diesen Grenzen klarkommt, denn das wird er. Die Frage ist, wie wir damit klarkommen und was wir daraus machen.


Es gibt noch einiges zu tun.


Ein guter Leitsatz in diesem Zusammenhang finde ich das folgende Zitat von Nico Paech: «Souverän ist nicht, wer viel hat, sondern wenig braucht».


Lasst uns bewusster konsumieren, genauer hinschauen und unsere eigene "Gesamtbilanz" im Auge behalten. Denn was wir heute tun, entscheidet darüber, wie die Welt morgen aussieht.

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